EZB auf dem Prüfstand: Wie wirksam ist die Strategie der Notenbanken?

Zuletzt aktualisiert & geprüft: 16.05.2020


Mit dem Führungswechsel in der EZB am 1. November 2019 sollte die Zentralbank eigentlich einer Prüfung des Instrumentariums unterzogen werden. Die seit der Finanzkrise angestrebten Ziele, nämlich eine Preissteigerung bei zwei Prozent, wurden bislang nicht erreicht – trotz Null- und sogar Minuszinsen für Banken, die Kapital bei der EZB parken, trotz großangelegter Anleihenkäufe, deren Volumen inzwischen zwei Billionen (!) Euro überschreitet.

Die Reflektion von Tools, Zielen und Vorgehensweise war berechtigt, denn die Inflation in der Eurozone lässt sich nicht in die gewünschten Bereiche bewegen, und die Preissteigerungen sind zuletzt der EZB-Erwartung von zwei Prozent vor mehr als einem Jahr nahegekommen.

Der EZB wird daher europaweit und aus den unterschiedlichsten Richtungen eine wenig nachhaltige und wirksame Geldpolitik vorgeworfen. Gefordert werden Neuberechnungen, doch die scheitern am Blick der EZB Verwaltung auf die eigene Rolle innerhalb der Eurozone. Angesichts drängender Probleme der angeschlossenen Volkswirtschaften sind die Fragen zur Berechnung des Inflationsziels durchaus angebracht.

Warum etwa werden enorm steigende Immobilienpreise sowohl für Käufer als auch für Mieter nicht berücksichtigt bei der Bewertung der Inflation? Das Auseinanderklaffen von berechneter und tatsächlicher Wertigkeit spüren Verbraucher – und diese Wahrnehmung trägt dazu bei, das Bild der EZB in der Öffentlichkeit zu beeinträchtigen.

Jetzt zum Testsieger eToro!62% der Konten von Privatinvestoren verlieren beim Trading von CFDs bei diesem Anbieter Geld

Aber warum überhaupt die Nullzinspolitik, und wo liegt das wahre Problem?

Hinter dem Abschwung verbirgt sich als tatsächliches Problem der Aufschwung. Das dynamische Wachstum der Wirtschaft war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nicht problematisch, denn die erwirtschafteten Gewinne wurden umgehend wieder reinvestiert. Erst mit dem langsamen Auslaufen der Boomjahre begannen Vermögen gegenüber der eigentlichen Volkswirtschaft stärker zu wachsen und ließen diese dann in den neunziger Jahren weit hinter sich. Der jetzige Nullzins, wie er seit der Finanzkrise gehalten wird, hätte schon damals angesetzt werden müssen.

Nur so hätte der Wachstumszwang, dem die Wirtschaft nun unterlag, aufgehoben oder gemildert werden können. Das geschah jedoch nicht – basierend auf der Erkenntnis, dass nur einigermaßen verträgliche Zinsen die Liquidität der Finanzwelt aufrechterhalten. Diese Zinsen wiederum lassen sich nur halten, wenn sie auch im Rahmen von Finanzierungslösungen Abnehmer finden. Und hier beißt sich der Hund in den Schwanz: Das ist nur mit einem gleichwertigen Wirtschaftswachstum möglich.

Die Folgen, die die EZB bis jetzt ausbügelt, liegen auf der Hand, nachgefragte Darlehen bleiben hinter dem Vermögenswachstum deutlich zurück. Hier springt der Staat ein und nimmt seinerseits Kredite auf, um die Zinsen und damit das Vermögenswachstum zu stützen, und treibt damit die Staatsverschuldung in die Höhe.

Was auch immer man der EZB vorwerfen mag – nicht die von ihr beschlossenen Zinssenkungen sind das Problem, sondern die Tatsache, dass sie viel zu spät vorgenommen wurden. Ein weiterer Hemmschuh für realitätsnahe Berechnungen beim EZB Leitzins sind die dabei einfließenden Faktoren.

EZB auf dem Prüfstand

EZB in der Corona-Krise: Mit noch mehr Geld gegen die Flaute

Mit dem Einsetzen der Corona-Pandemie sieht sich die EZB einer weiteren Herausforderung gegenüber: Die Notenbank muss einen enormen Beitrag zur Stabilisierung der Wirtschaft im Gefolge der Krise leisten. Auch hier greift die EZB wieder zum Mittel der Anleihenkäufe und pumpt insgesamt 120 Mrd. Euro zusätzlich in die Eurozone – zumindest während des laufenden Jahres.

Außerdem sollen Kredite mit besonders langer Laufzeit dafür sorgen, dass kleinen und mittelgroßen Unternehmen die Luft nicht ausgeht. Die bereits drastisch nach unten korrigierten Wachstumserwartungen der EU-Volkswirtschaften stellen nach Ansicht der Währungshüter eine erhebliche Bedrohung für die Konjunktur dar. Mit den bereits angelaufenen Geldspritzen will man dem entgegenwirken.

Der Leitzins wird also vorläufig weiterhin bei 0.0 Prozent verharren – und der „Strafzins“ für die Einlagen der Banken bei der EZB wird ebenfalls bei – 0.5 Prozent verbleiben. Die seit Jahren unverändert niedrigen bzw. sogar negativen Werte nehmen der EZB den Handlungsspielraum, mit dem die US Notenbank Leitzins und Konjunktur korrigiert. Denn diese konnte, ebenso wie die Bank of England, in den ersten Wochen der Corona-Krise den Leitzins noch um einen halben Prozentpunkt senken. Für derartige Maßnahmen segelt die EZB mit dem Nullzins schon seit langem zu hart am Wind.

Jetzt zum Testsieger eToro!62% der Konten von Privatinvestoren verlieren beim Trading von CFDs bei diesem Anbieter Geld

Die Auswirkungen der Hilfspakete

Das nun aufgrund von Corona zusätzlich in die Märkte flutende Kapital ist einerseits dringend benötigt, wird jedoch nach Ansicht der Kritiker nicht in der Lage sein, die Abwärtsspirale der Wirtschaft zu unterbrechen. Bereits im März brachen weltweit und auch in der Eurozone Aktienindizes ein, nachdem zutiefst verunsicherte Anleger sich überhastet und in großen Mengen von ihren Aktien trennten. Leitindizes wie der DAX30 befanden sich zeitweise im freien Fall.

Vertreter der Banken sehen die Rolle der EZB derzeit eher darin, den Bankensektor und die Finanzpolitik der Eurostaaten zu stützen. Für die Banken sind die nun verfügbaren, zusätzlichen Langfristkredite eine willkommene Hilfe, wenn es darum geht, Liquidität zu sichern und ihrerseits weiterhin als Finanzierer aufzutreten.

Als hilfreich wird auch gewertet, dass die eigentlich verbindlichen Kapitalvorgaben für die Geldhäuser nun zumindest kurzzeitig unterschritten werden dürfen, ebenfalls um sicherzustellen, dass Banken ihrer Rolle als Geldgeber sowohl für die Wirtschaft als auch für Privathaushalte weiterhin nachkommen können – so sollen die schlimmsten Konjunktureinbrüche aufgefangen werden.

Kein Stresstest für Banken in 2020

Um die Banken der Eurozone darüber hinaus in die Lage zu versetzen, sich voll und ganz auf das Geschäft zu konzentrieren, setzt die Europäische Bankenaufsicht den für das laufende Jahr angesetzten Stresstest aus. Stattfinden soll er statt dessen dann in 2021. Dies soll die Kreditinstitute vom Zeit- und Geldaufwand der Auditvorbereitung entlasten – Kapazitäten, die den Kunden zugute kommen sollen. So zumindest ist es geplant. Wie es dann weitergeht, lässt sich derzeit noch nicht genau sagen. Ist die Talsohle erst einmal überwunden, wird sich die EZB einige Fragen gefallen lassen müssen.

Auswirkungen der Hilfspakete

Wie können neue Inflationsziele definiert werden?

Zu den Punkten, die im Raum stehen, gehört nicht nur der Leitzins, sondern auch das selbst auferlegte Inflationsziel von zwei Prozent und die Art seiner Berechnung. Würde man beispielsweise die Vorgabe absenken, würde auch der Druck auf die EZB sinken, immer mehr immer billigeres Geld in die Eurozone zu pumpen. Ohne ein Hinterfragen der Inflationsberechnung ist dies jedoch nicht möglich – denn es würde lediglich den Eindruck hinterlassen, die Europäische Zentralbank habe vor der Entwicklung die Waffen strecken müssen.

An den bisher angesetzten zwei Prozent Inflation scheiden sich die Geister sogar im Rat der EZB. Die Befürworter einer disziplinierten Geldpolitik sprechen sich für ein Absenken des Wertes aus, während die Vertreter des liberalen Kurses den Wert zumindest beibehalten, wenn nicht erhöhen wollen.

Letztendlich könnte die Entwicklung darauf hinauslaufen, dass die Indikatoren für die Berechnung der Inflation auf den Prüfstand müssen. Das wiederum lässt sich nicht übers Knie brechen – eine Bewusstmachung der Problematik ist jedenfalls bereits angestoßen.

Bilderquelle:

  • www.shutterstock.com